Sommerbuchtipp No 2: Gentleman über Bord

Sich treiben lassen, ein paar Stunden lang…

Gentleman über Bord ist ein schlankes Buch und das ist gut so. Mit nur zwei Sätzen hatte mich der Roman gepackt und erst nach 150 berührenden, tragischen, komischen und tiefgründigen Seiten wieder losgelassen. Lest selbst:

“Als Henry Preston Standish kopfüber in den Pazifischen Ozean fiel, ging am östlichen Horizont gerade die Sonne auf. Das Meer war so still wie eine Lagune, das Wetter so mild und die Brise so sanft, dass man nicht umhinkam, sich auf wunderbare Art traurig zu fühlen.”

aus: Herbert Clyde Lewis, Gentleman über Bord (übersetzt von Klaus Bonn), mare Verlag 2023 (HC) / 2025 (TB), S. 9.

Für mich war dies eine unwiderstehliche Einladung, mich treiben zu lassen, der Strömung des Buches zu folgen und zu schauen, wohin sie trägt.

Die Handlung hält, was der Titel verspricht: Standish, ein angesehener New Yorker Geschäftsmann, geht auf einer Schiffspassage im tropischen Pazifik über Bord. Ganz Gentleman bewahrt er Ruhe und Haltung – das Wasser ist warm, die Region ist frei von Haien, was soll schon passieren? Man wird ihn vermissen, das Schiff wird wenden und sich auf die Suche nach ihm machen. Es ist nur zunehmend irritierend, dass die Hilfe so lange auf sich warten lässt. Zeitgleich auf dem Schiff geht alles seinen gewohnten Gang. Durch eine Verkettung von Unachtsamkeiten, falschen Rücksichten und dysfunktionalen Kommunikationsketten bleibt lange unklar, dass ein Passagier fehlt.

Quasi in Echtzeit beschriebt Herbert Clyde Lewis lakonisch und präzise, zugleich mitfühlend und distanziert, wie sich die Situation entwickelt. Abwechselnd beobachten wir das Geschehen auf dem Schiff und folgen Standish, der in der Weite des Ozeans seinen Gedanken nachhängt. Mit wachsendem Abstand von der zivilisierten Gesellschaft auf dem Schiff verabschiedet er sich von Kleidung und Konventionen, während die Zeit davonläuft und die Chancen auf seine Rettung immer geringer werden.

Lewis’ Erzählweise und die Übersetzung von Klaus Bonn sind brillant. Die Konstruktion ist ausgefeilt, der Spannungsbogen perfekt. Jedes Wort sitzt, keines ist zuviel. Je weiter sich die Lage zuspitzt, umso stärker entfaltet die Geschichte einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Die letzten Seiten habe ich fast atemlos verschlungen. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich ein Buch jemals so gefesselt hat. Ich weiß, dass ich es, wie einige Erzählungen von Thomas Mann, nochmals lesen werde. Wahscheinlich nicht nur einmal. Auch die Spannung entfällt, weil ich das Ende kenne, bleibt der Genuss, einem raffinierten, vielschichtigen Werk von höchster sprachlicher Anmut immer wieder neu zu begegnen.

Erschienen ist Gentleman über Bord bereits 1937, als Debütroman des US-amerikanischen Autors Herbert Clyde. Das Buch geriet bald in Vergessenheit. In den 2020er Jahren wurde es wiederentdeckt und für die Ausgabe des mare Verlags erstmals ins Deutsche übersetzt. Mittlerweile liegt es auch als urlaubstaugliches Taschenbuch vor, für das es nur einen einzigen, langen, ungestörten Lesenachmittag oder -abend braucht. Ich wünsche viel Vergnügen!

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