Kategorie: tausendundeinbuch

  • Doch lustig: A Serial Killer’s Guide to Marriage

    Doch lustig: A Serial Killer’s Guide to Marriage

    Ich mag keine lustigen Selbstjustiz-Krimis mehr lesen. Oder doch?

    Wirklich nachvollziehen kann ich nicht, wieso ich ausgerechnet zu „A Serial Killer’s Guide to Marriage“ von Asia Mackay griff, als ich einen Titel für mein Krimi-Pflichtleserogramm auswählte. Aus der reichen Auswahl an Neuerscheinungen schien es eine gute Option, um mich an einem miesepampeligen Tag selbst zu nerven. Ein Kriminalroman mit extrasmarten, reichen, schönen Hauptfiguren, die die Welt ein wenig besser machen wollen, indem sie Menschen töten. Nicht schon wieder. Nicht lustig. Dachte ich.

    Da sollten ein paar Seiten reichen, um mir einen Eindruck zu bilden und zu schauen, ob und wem ich das Buch empfehlen kann. Warum habe ich „A Serial Killer’s Guide to Marriage“ dann aber in kürzester Zeit und mit Vergnügen bis zur letzten Seite gelesen? Weil es sich ganz schnell anders entwickelte als erwartet.

    Der Anfang war wie befürchtet: Die mörderischen Eheleute trafen exakt das Klischee. Elitäre Übermenschen, die sich anmaßen, über Leben und Tod zu entscheiden. Ihre Mission und ihr gemeinsames Vergnügen: „böse Männer“ ermorden und sich dabei nicht erwischen lassen. Mag man lustig finden, meinen Humor trifft das nicht. Doch schnell nahm die Geschichte Fahrt auf und dann einen so schrägen Verlauf, dass ich unbedingt wissen wollte, wie die beiden am Ende aus dem Lügennetz herauskommen, in das sie sich Kapitel für Kapitel tiefer verstricken.

    Das erwartet euch: Haze und Fox tauschen ein Jet-Set-Leben, dem sie mit gelegentlichen Morden einen gewissen Kick verleihen, gegen eine geregelte Vorstadt-Existenz ein. Mit der Geburt ihrer Tochter schwören sie dem Töten ab. So ganz lässt sich dieses aber nicht vermeiden. Damit beginnt ein Versteckspiel, das abwechselnd aus der Perspektive beider Partner erzählt wird. Das ist absurd, lustig, anrührend, denn Hazel und Fox müssen nicht nur ihre Spuren vor dem jeweils anderen (und der Polizei) verwischen, sondern hadern auch mit den Rücksichten, zu denen sie sich als Eheleute und Eltern verpflichtet sehen. Hinter der anfangs so perfekten Fassade kommt ein Paar zum Vorschein, das mit dem ersten Kind seine Beziehung neu definieren muss und dabei ein paar Leichen mehr im Keller hat als gewöhnlich. Die Geschichte ist turbulent erzählt, voller überraschender Wendungen und auch der Schluss ist nicht vorhersehbar.

    Mein Fazit aus Buchhändlerinnensicht: Eine gute Wahl für alle, die Krimis mit schwarzen Humor und nicht allzuviel Blut mögen. Die Spannung entsteht aus dem Beziehungsspiel zweier sympathischer Psychopathen, Morde werden hier nicht aufgeklärt, sondern vertuscht. Keine kriminelle Hochliteratur, aber amüsant und spannend. Das sagen auch die Kund:innen, die das Buch bereits gelesen haben.

    Fairerweise kennzeichne ich diesen Beitrag als *WERBUNG*. Das Buch ist mir als Leseexemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt worden. Dies hat meine Entscheidung beeinflusst, diesem Titel Lesezeit zu widmen, aber keinen Einfluss auf meine Bewertung.

  • Bereit zum Abtauchen? Pearl, Königin der Meere

    Bereit zum Abtauchen? Pearl, Königin der Meere

    Karibikflair, Abenteuer und Liebe

    Wer eine Auszeit vom Alltag sucht, kann in Elisabeth Herrmanns Roman „Pearl, Königin der Meere“ in eine exotische Welt voller Abenteuer abtauchen. Dort, in der Karibik, im 18. Jahrhundert, kämpft Pearl, die Tochter der legendären Piratin Anne Bonny, auf über 600 Seiten um ihr Leben, ihre Liebe und ihren Traum von einem Neuanfang am anderen Ende der Welt.

    „Pearl“ zählt zu meiner selbst ausgewählten Pflichtlektüre. Aus den Frühjahrs- und Herbstprogrammen der Verlage lese ich je eine Neuerscheinung aus den Bereichen leichte Unterhaltung, YA/NA/Romantasy, Krimi. Als Quereinsteigerin im Buchhandel erarbeite ich mir auf diese Weise nach und nach Beratungskompetenz in Genres, die bisher nicht auf meiner Leseliste vertreten waren. Das macht mal mehr, mal weniger Freude, und auf ein Buch, das ich bis zum Ende lese, kommen einige, die ich nach wenigen Seiten oder Kapiteln abbreche.

    Mit dem Piratinnenroman von Elisabeth Herrmann habe ich auf Anhieb einen guten Griff getan. Das Cover finde ich zwar eher abstoßend, aber dafür fällt das Setting (Segelschiffe! Seefahrt! Seeleute!) genau in mein Beuteschema. Die Geschichte von Anne Bonny und Mary Read war mir in groben Zügen bekannt. Ich wusste, dass die beiden tatsächlich existiert haben und als berüchtigte Piratinnen in die Geschichtsbücher eingegangen sind. Ich war neugierig, wie sich auf diesem Hintergrund eine romantische Handlung entfaltet, und so machte „Pearl“ das Rennen vor den vielen anderen neuen Unterhaltungsromanen dieses Frühjahrs.

    Auch wenn sich früh abzeichnete, mit wem Pearl auf der letzten Seite an welchem Ort zu finden sein würde, las sich der Weg dorthin unterhaltsam, spannend und lange nicht so kitschig wie das Cover befürchten ließ. Ich hatte wenig erwartet, was mich packen könnte – eine Liebesgeschichte mit Hindernissen vor einer letztlich austauschbaren Kulisse. Damit hatte ich das Buch unterschätzt, denn ich bekam einen clever konstruierten,solide rechercherten historischen Roman, in den eine Liebesgeschichte mit Hindernissen eingebettet war. Elisabeth Herrmann entwickelt Pearls Geschichte aus dem Kontext eines Zeitalters extremer Ungleichheit – geprägt von der Grausamkeit des Kolonialismus und des Sklavenhandels, von prekären Lebensverhältnissen für unzählige Besitz- und Rechtlose, in der Karibik wie in Europa. Die Piraterie schafft hier eine Gegenwelt, freie und gleichberechtigte Menschen, die die vorgegebenen Regeln nicht gelten lassen. Letztendlich erweist sich aber auch ihre Welt als grausam und unmenschlich. Elisabeth Herrmann romantisiert das Piratenleben nicht. Stattdessen macht sie die Härten des Lebens im 18. Jahrhunderts nahvollziehbar, nah an den historischen Fakten. Das hat mir gut gefallen.

    Nach der Lobhudelei die Kritik: In einigen Passagen kommt mir die Handlung etwas zu glatt voran oder ich empfinde sie nicht 100% stimmig, manche Nebenfiguren erscheinen mir unscharf oder etwas arg stereotyp. Dies möchte ich dem Buch aber nicht zum Nachteil auslegen. Dass es mich stört, liegt an meinen persönlichen Lesevorlieben – ich werde gern irritiert, ich mag es, wenn mit meinen Vorurteilen gespielt, mein Denken in Frage gestellt wird. Das darf dann auch ruhig etwas anstrengend sein. Ein guter Unterhaltungsroman hat andere Aufgaben. Er soll Auszeiten in den Alltag bringen, einen Raum schaffen, um abzuschalten und Erholung zu finden. Dafür ist „Pearl. Königin der Meere“ bestens aufgestellt, denn es fällt leichter, sich in eine Welt hineinzufinden, wenn die Charaktere und die Handlung eher konventionellen Erwartungen folgen, statt sie zu verletzen.

    Ich bin mit geringen Erwartungen an das Buch herangetreten und wurde positiv überrascht. Ich rechnete mit Kitsch, gewürzt mit einer Prise Abenteuer. Ich bekam Abenteuer, gewürzt von einer Romanze und dazu einen solide recherchierten und unsentimentalen Einblick in die Piraterie und ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext. Was mir auch gut gefallen hat, selbst wenn ich es nur ein subjektiver Eindruck ist, den ich an nichts konkretem festmachen kann: Auf mich wirkt das Buch so, als hätte die Autorin leidenschaftliche Freude am Schreiben und an den Recherchen gehabt, und sähe es als Privileg an, Menschen mit dieser Geschichte zu unterhalten und ihnen Freude zu bereiten. Auf freundlich-neugieriger Augenhöhe mit den Leserinnen. Bestsellerautorin, zu Recht.

    Meine Freude: Ich kann einen Haken auf meiner Pflichtleseliste setzen, und habe das Buch in diesem Rahmen sehr gern gelesen. Jetzt freue ich mich darauf, den Roman mit den passenden Leserinnen zusammenzubringen.

    Reinlesen könnt ihr hier auf der Seite des Verlags. Wenn kaufen, dann bitte euer unabhängigen Buchhandlung vor Ort oder online – schaut gerne bei buchnah.de.

    Fairerweise kennzeichne ich diesen Beitrag als WERBUNG, denn ich habe das Buch als Leseexemplar zu Verfügung gestellt bekommen. Meine Empfehlungen sind unabhängig davon, ob ich ein Buch gekauft, in einem Bücherschrank gefunden, geschenkt bekommen oder als Leseexemplar erhalten habe.

  • Lesen: Durch das Raue zu den Sternen + Bonustipp

    Lesen: Durch das Raue zu den Sternen + Bonustipp

    Zwei Romane von Christopher Kloeble = zwei Meilensteine für mich

    „Das Museum der Welt“ zählt zu den Büchern, mit denen ich in meine neue Rolle als Buchhändlerin hineinwuchs. Es war einer der ersten Titel, die ich voller Überzeugung mit den passenden Menschen zusammenbringen konnte und dazu sehr gute Rückmeldungen bekam. Das war 2020. Einige Jahre später durfte ich einen Vorabdruck von „Durch das Raue zu den Sternen“ lesen und einen Buchhändlerinnen-Blurb für die Verlagsvorschau verfassen – eine Premiere für mich und genau so aufregend wie die ersten Buchverkäufe.

    Diese zwei Romane von Christopher Kloeble lege ich allen ans Herz, die Freude an schöner und präziser Sprache haben und Geschichten mit überraschend changierenden Bedeutungsebenen schätzen. In beiden Fällen ist die zentrale Figur ein Kind, das Verluste erlebt hat, mit besonderen Begabungen ausgestattet ist und sich auf eine Mission begibt, die kein Erwachsener so entschlossen und radikal verfolgen könnte. Die Charaktere berühren mit ihrer Verletzlichkeit, ihrer Intensität und ihrem ganz eigenen Blick auf die Welt.

    Ich mache es mir bequem und teile hier die Empfehlungen, die ich für die Buchhandlungswebsite bzw. die Verlagsvorschau geschrieben habe. Wollt ihr mehr wissen? Ich freue mich über jeden Kommentar und jede Rückfrage.

    Der aktuelle Titel „Durch das Raue zu den Sternen“ nimmt uns mit in die bayerische Provinz der 1990er Jahre. Dort beginnt die Geschichte von Moll, einem Mädchen, dem die Mutter abhanden gekommen ist.

    Wenn Beethoven eine Frau war, kann ein Mädchen im Knabenchor singen. Arkadia Fink, genannt “Moll”, ist von beidem fest überzeugt. Musik verbindet die 13-jährige Moll mit ihrer Mutter, auf eine Weise, die Worte nicht ausdrücken können. Nun ist Molls Mutter verschwunden. Zurückgelassen hat sie ihren geliebten Flügel, ihre unvollendeten Kompositionen und einen Vater, der Moll keinen Halt geben kann. Im Vertrauen auf die Kraft der Musik setzt Moll alles daran, ihre Mutter zurück in ihr Leben zu holen. Voller Fantasie und wild entschlossen überwindet sie Konventionen und Bedenken. Nichts kann sie aufhalten. 

    Beim Lesen des Vorabdrucks habe ich mich zuerst schwer getan – den Anfang fand ich etwas verwirrend, überfrachtet. Im zweiten Anlauf hat mich das Buch dann mitgerissen. Tolle Figuren! Arkadia Fink geht ans Herz, mit ihrer Kompromisslosigkeit und Hingabe. Alle, die den Roman bevölkern, sind so fein und stimmig und hauchzart überspitzt gezeichnet, dass alles Ernste und Schwere immer auch ein wenig leicht ist. So viel Gefühl und Musik in einem Buch. Es schreit nach einer Playlist! 

    Christopher Kloeble hat einen berührenden Roman komponiert, der nachklingt und Lust darauf macht, genau hinzuhören. So wie die großen Tondichtungen von Beethoven, Mozart und anderen, die Moll auf ihrem Weg “durch das Raue zu den Sternen” begleiten. 

    Eine zweite Meinung zu diesem Buch findet ihr hier im Forum Wermelskirchen, einem offenen Nachrichtenportal für unsere Stadt. Weil die Lesevorlieben in unserem kleinen Team recht unterschiedlich sind und es nur selten vorkommt, dass ein Titel mich und meine Kollegin Andrea gleichmaßen begeistert, haben wir unsere Doppelempfehlung dort eingereicht.

    „Das Museum der Welt“ spielt in Indien, ein historischer Roman, der eine deutsche Forschungsexpedition der 1850er-Jahre als Ausgangspunkt nimmt, um eine raffinierte Geschichte zu spinnen. Dieses Buch habe ich sehr gerne gelesen und es hat immer noch einen Platz in meinem Bücherschrank, anders als viele Leseexemplare, die nach kurzer Zeit weiterziehen dürfen. Hier meine Empfehlung aus dem Jahr 2020 – ich hoffe, sie ist gut gealtert und macht euch Lust auf dieses Buch:

    „Das Museum der Welt“ von Christoph Kloeble ist zugleich fesselnde Abenteuergeschichte, historischer Roman, Reise- und Entdeckungsbericht, Spionagethriller und Entwicklungsroman.

    Ein Buch, bunt und schillernd wie der indische Subkontinent, den die Brüder Schlagintweit Mitte des 19. Jahrhunderts im Geiste Humboldts vermessen und katalogisieren wollen. Um diese wenig bekannte, aber historisch belegte Forschungsexpedition rankt sich der Roman, der auch den anonymen einheimischen Mitreisenden ein Gesicht und eine Stimme gibt. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Bartholomäus, einem außergewöhnlich begabten Waisenkind. Unfreiwillig begleitet das Sprachentalent die Schlagintweits als Übersetzer auf der langen und gefährlichen Reise durch Indien und den Himalaya. Sein offener und scharfer Blick zeigt die deutschen Forscher, die englischen Kolonialherren und sein eigenes Land aus einer ungewohnten Perspektive.

    Mich begeistert der Roman, weil er ein großartiges Lesevergnügen mit Witz, Tempo und Hintersinn bietet und dabei die Wurzeln und Folgen der westeuropäischen Kolonialpolitik hinterfragt.

    Kleiner Disclaimer: Es ist wahrscheinlich fair, diesen Beitrag als *WERBUNG* zu kennzeichnen, denn, wie das Foto zeigt, habe ich beide Romane als Leseexemplare vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies hat keinen Einfluss auf meine Bewertung. Ich mache hier genauso gern *WERBUNG* für Bücher, die ich selbst gekauft habe und bekomme andererseits reichlich Leseexemplare, die ich hier mit Sicherheit nicht vorstellen werde.

  • Das Meer, die Liebe, der Mut aufzubrechen

    Das Meer, die Liebe, der Mut aufzubrechen

    I’m back. Mit einem Backlist-Tipp.

    Das Meer – mein Thema. Die Liebe – eher nicht. Der Mut aufzubrechen – unerlässlich, an jedem einzelnen Tag. Den Neuanfang hier mache ich mir leicht, mit einer Empfehlung, die ich 2020 für die Buchhandlungs-Homepage verfasst habe. Zum Glück ist „Das Meer. Die Liebe. Der Mut aufzubrechen“ von Andrea Marcolongo noch lieferbar (Stand 03/2026), das ist leider nicht selbstverständlich für einen Titel, der vor über 5 Jahren erschienen ist.

    Ich lade euch ein auf eine Fahrt ins Ungewisse. Reiseleiterin Andrea Marcolongo nimmt euch mit auf eine Expedition in die Antike, zu den Wurzeln unserer Kultur und zu unseren ureigenen Wünschen und Ängsten.

    Die junge Altphilologin Andrea Marcolongo erzählt die Argonautensage neu. Ihre Liebe zur altgriechischen Sprache und Kultur und ihre Überzeugung, dass die antiken Mythen uns auch heute etwas zu sagen haben, prägen dieses Buch. Entlang der großen, alten Geschichte von Jason und seinen Begleitern, vom Heldenmut und dem Aufbruch ins Ungewisse, wirft sie einen Blick auf unsere Zeit. Mit der Distanz von Jahrtausenden, freundlich und zugleich unerbittlich, mit feinem Humor und großer Menschenliebe stellt sie in Frage, mit welchen Zielen wir uns zufrieden geben und was heute als Mut gilt.

    Es entsteht eine faszinierende Wundertüte von einem Buch: Ein antiker Mythos, kenntnisreich dargestellt, ein philosophischer Essay über unseren Stand im Leben, ein Wegweiser, der uns ermuntert, unsere Ziele zu hinterfragen und neue Wagnisse einzugehen.

    Dieses Buch stand ganz und gar nicht auf meiner Wunschliste, aber es hat sich mir so hartnäckig aufgedrängt, dass ich irgendwann nachgegeben habe. Zum Glück! Es liest sich nicht eben nebenbei, braucht Zeit und wirft nicht nur gefällige Fragen auf, aber mich hat die Lektüre bereichert und berührt. Gedanken aus diesem Buch blitzen immer wieder in meinem Alltag auf und zeigen scheinbar Selbstverständliches in einem anderen Licht. Was kann ein Buch mehr bewirken?

    Ich freue mich darauf, dieses wunderbare Buch aus dem Folio-Verlag mit etwas Abstand noch einmal zu lesen. Es wird mich sanft durch das Frühjahr begleiten, zum Aufbruch locken, bis ich endlich wieder auf dem Meer bin.

    Mehr Infos zum Buch und zur Autorin sowie eine Leseprobe findet ihr auf der Seite des Verlags. Kauft Bücher bitte immer in euer Buchhandlung vor Ort (das geht auch online). Dankeschön!

  • Überraschung: Lesevergnügen in Pink

    Überraschung: Lesevergnügen in Pink

    Ein guter Griff: Bea Fitzgerald – Girl. Goddess. Queen.

    Seit ich in der Buchhandlung arbeite, lese ich pro Halbjahr mindestens einen aktuellen Krimi, einen leichten/seichten Unterhaltungsroman, einen historischen Roman oder einen Fantasy-Titel, ein Jugendbuch, ein Kinderbuch. Nicht alles davon lese ich gern. Schlimm sind Krimis, die lustig sein wollen, aber nicht sind. Schlimmer sind verwickelte Liebesdramen auf Nord- oder Ostseeinseln. Am schlimmsten ist Romantasy, mit gebrochenen Helden, die nur duch die Liebe (Unterwerfung?) einer Frau gerettet werden können.

    Auf der Suche nach einem Buch fürs Wochenende sprang mir der leuchtend pinkfarbene Band Girl. Goddess. Queen. von Bea Fitzgerald ins Auge. Eine Chance, gleich drei Punkte meines Pflichtprogramms mit nur einem Buch abzuhaken: Romance (PINK!), Fantasy (GÖTTER!), Jugendbuch (YOUNG ADULT!). Meine Erwartung: schlimmste Romantasy. Was ich bekam: das vergnüglichste Lesewochenende seit langem! Ich habe Girl. Goddess. Queen. verschlungen.

    Bea Fitzgerald greift den Mythos um Persephone auf. In der klassischen Erzählweise entführt Hades die Göttin in die Unterwelt und nimmt sie gegen ihren Willen zur Frau. In diesem Roman ist alles ganz anders. Persephone sucht Schutz bei Hades, denn die Pläne ihres Vaters Zeus und ihrer Mutter Demeter machen ihr Angst. Soll sie mit einem der anderen Olympier verheiratet werden?

    Die Geschichte entwickelt sich rasant, mit vielen überraschenden Wendungen. Persephone, Hades und die anderen Charaktere aus der Unterwelt sind liebevoll gezeichnet, als würde die Autorin den Vorbildern aus der griechischen Sagenwelt erlauben, die beste, glücklichste Version ihrer Selbst zu werden. Hier wird die Hölle zu einem Ort, wo sie aneinander wachsen und lernen, zu ihren Wünschen und Bedürfnissen zu stehen. Es geht um Freundschaft, Vertrauen und ein wenig auch um Liebe. Spicy wird es nicht.

    Die Altersempfehlung des Verlags liegt bei 14 Jahren. Ich würde es ohne Bedenken auch Zwölfjährigen verkaufen, wenn sie gern und viel lesen und eine spannende Geschichte mit einem Hauch Romantik suchen.

    Bea Fitzgerald hat einen weiteren Roman veröffentlicht, der in der griechischen Sagenwelt verortet ist. Princess. Prophet. Saviour. spielt während der Belagerung Trojas. In diesem Krieg, der nur Verlierer kennt, kämpfen Helena und Kassandra darum, die Katastrophe zu verhindern. Dieses Buch ist düsterer, ernster und intensiver als das erste. Hier finde ich die Altersempfehlung ab 14 Jahren etwas gewagt. Der Kampf um Troja ist gewaltsam, die Figuren leben in ständiger Bedrohung, ihre inneren Konflikte berühren Fragen, die sich eher Erwachsene stellen und die Szenen, in denen Figuren sich näher kommen, sind ein wenig spicy.

    Mir gefällt Bea Fitzgeralds zweiter Roman sehr, weil er wieder die Welt der griechischen Götter und Helden auf den Kopf stellt. So unterschiedlich die Bücher im Tonfall und in der Tiefe sind – in beiden stellen sich die Charaktere mutig, klug und kreativ der göttlichen Willkür entgegen. Sie verlassen die Wege, die ihnen in den alten Geschichten vorbestimmt sind und kämpfen um Selbstbestimmung, Liebe und Respekt.

    Ich freue mich auf das dritte Buch der Reihe. Girl. Lover. Legend. handelt von Pandora, die das Unglück in die Welt gebracht haben soll, Die deutsche Übersetzung erscheint Ende Oktober.

  • Das Parlament der Natur – mein Buchtipp in schönerlesen No. 24

    Das Parlament der Natur – mein Buchtipp in schönerlesen No. 24

    Yay! Meine Begeisterung auf 1000 Zeichen zu beschränken, war eine sportliche Herausforderung. Meine Empfehlung findet ihr auf Seite 40 im Kundenmagazin der eBuch-Genossenschaft oder gleich hier:

    Mit seinem farbenprächtigen Umschlagmotiv zieht „Das Parlament der Natur“ die Blicke auf sich: Ein Jaguar auf dem Sprung, zwei Aras auf der Flucht. So lebensecht die Szene wirkt – die Tiere sind tot. Ein Museumspräparat, auf ewig gefangen in einer Momentaufnahme des Kampfes ums Dasein, eines von gut dreißig Millionen Objekten im Bestand des Berliner Museums für Naturkunde.

    Naturforscherin Sarah Darwin, Nachfahrin des Begründers der Evolutionstheorie, und ihr Ehemann Johannes Vogel, Direktor des Museums, lassen uns die riesige Sammlung mit ihren Augen sehen. Hier lagern keine verstaubten Zeugnisse der Vergangenheit, sondern ein Schlüssel zu unserer Zukunft. Die Exponate zeigen das komplexe Gefüge der Natur über sehr lange Zeiträume, die Vielfalt des Lebens ebenso wie den zerstörerischen Einfluss des Menschen.

    Das Buch ist wundervoll bebildert und lässt uns tief in die Gedankenwelt der beiden Wissenschaftler einsteigen – ein Geschenk für alle, die sich von der Natur faszinieren lassen.

    Mehr Infos und eine Leseprobe findet ihr auf der Seite des Verlags. Danke an Propyläen-/Ullstein für das digitale Leseexemplar auf Netgalley.

    Wenn euch lebendige Innenstädte und kulturelle Vielfalt am Herzen liegen: Kauft Bücher nicht an fernen Flüssen, sondern bei eurer Buchhandlung vor Ort. Das geht auch online, zum Beispiel über genialokal, dem gemeinsamen Shop von über 750 unabhängigen Buchhandlungen im deutschen Sprachraum. Oder einfach googeln nach Geschäften in eurer Umgebung. Amen.

  • Jetzt lesen! Oliver Hilmes: Ein Ende und ein Anfang

    Jetzt lesen! Oliver Hilmes: Ein Ende und ein Anfang

    Eine Zeitreise in den Nachkriegssommer 1945

    Am 8. Mai vor 80 Jahren endete der 2. Weltkrieg – zumindest in Europa. Oliver Hilmes richtet in seinem aktuellen Sachbuch den Blick darauf, wie sich die Welt in den folgenden Monaten neu ordnete, im Großen wie im Kleinen.

    Es lohnt sich, dieses Buch genau jetzt zu lesen, denn es umspannt den Zeitraum von Mai bis September 1945. Ich habe es kurz vor dem 8. Mai erstmals gelesen. Seitdem nehme ich es immer wieder zur Hand und schaue, was sich in der Woche oder im Monat vor genau 80 Jahren ereignet hat.

    Oliver Hilmes lässt die Geschichte lebendig werden. Er zeigt die weltpolitischen Optionen und Weichenstellungen der Umbruchphase im Sommer 1945 so auf, dass sie auch ohne viel Vorwissen nachvollziehbar sind. Parallel dazu nimmt er die Nöte und Hoffnungen der Menschen in den Blick, die mit den Folgen von NS-Herrschaft und Krieg zu kämpfen haben oder für die der Krieg noch nicht beendet ist. Zeitzeugnisse, Tagebucheinträge, Fotos zeigen Momentaufnahmen. Manche Personen begleiten wir über eine längere Zeit, dazu gehören Kriegsgefangene, Geflüchtete, die Teilnehmenden der Potsdamer Konferenz oder eine Frau, die im ausgebombten Berlin auf Nachricht von ihren Angehörigen hofft.

    Aus ihren unterschiedlichen Perspektiven und Schicksalen webt Oliver Hilmes ein facettenreiches Bild der Zeit. Nicht nur mich hat das Buch gefesselt, auch in meinem Umfeld hat es die Runde gemacht und konnte Menschen begeistern, die sonst eher wenig lesen oder zumindest nicht zu einem Sachbuch greifen würden.

    Große Leseempfehlung für alle, die mehr über die Nachkriegszeit erfahren, aber kein trockenes Geschichtsbuch lesen möchten. Umgekehrt die Warnung für Geschichts-Zahlen-und-Fakten Nerds: Dieses Buch könnte für euren Geschmack zu viel persönliche Geschichten enthalten. Für Buchhändler:innen in diesem Sommer auf jeden Fall ein Must-Have im aktuellen Sortiment.

  • Zwei Leben: Hanns und Rudolf

    Zwei Leben: Hanns und Rudolf

    Thomas Hardings Doppelbiografie hatte ich in der Buchhandlung oft in der Hand, aber immer wieder beiseite gelegt. Zu Weihnachten nahm ich sie endlich mit. Eine gute Entscheidung, denn die ruhigen Feiertage waren ideal, um mich auf dieses Buch einzulassen.

    Zwei gegensätzliche Lebenswege, von der Geburt bis zum Tod: Eine der beiden Personen, Rudolf Höß, hat Einzug in die Geschichtsbücher gehalten. Nicht als Held, sondern wegen unvorstellbarer Verbrechen gegen Menschlichkeit und Menschenwürde. Als KZ-Kommandant installierte Höß die Tötungsmaschinerie im Lager Auschwitz. Unter seiner Verantwortung wurden über eine Million Menschenleben ausgelöscht. Der andere, Hanns Alexander, ein jüdischer Emigrant, hat ihn nach dem Krieg verfolgt und schließlich festgenommen. So konnte Höß beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess als Zeuge aussagen und später selbst vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt werden. Hanns Alexander steht in keinem Geschichtsbuch, aber in einem nahen Verwandtschaftsverhältnis zum Autor.

    Hanns Alexander lebte in London, arbeitete bei einer Bank, engagierte sich in der örtlichen Synagoge. Um seine Jugend in Deutschland und seinen Dienst beim britischen Militär machte er nicht viel Aufhebens. Erst nach Hanns‘ Tod erfährt Thomas Harding, dass sein Großonkel einen der größten Nazi-Verbrecher dingfest gemacht hat. Wie konnte es dazu kommen?

    Um das herauszufinden, schaut Harding nicht nur in die eigene Familiengeschichte. Im Wechsel zeichnet er die Wege der beiden Männer nach. Als Erzähler bleibt er zurückhaltend. Er stellt Zeitzeugnisse in den Vordergrund, lässt Briefe, Fotos, Interviews und Gerichtsakten für sich sprechen. So entwickelt sich nach und nach ein Bild von Hanns und Rudolf. Dass der Autor die beiden durchgängig beim Vornamen nennt, entspricht seinem fast intimen Zugang zu ihrer Geschichte. Harding stellt sie nicht als Prototypen für Täter und Opfer, Verfolger und Verfolgte dar, sondern zeigt sie in Nahaufnahme. Zwei Menschen, die durch ihre Zeit und ihr Umfeld geprägt sind. Menschen, denen sich unterschiedliche Handlungsräume eröffnen. Menschen, die Entscheidungen verantworten – privat, beruflich, politisch. Offen, beinahe neutral, erforscht Harding, was die beiden antreibt, welche Erfahrungen, Begegnungen und Werte ihr Handeln bestimmen.

    Von Anfang an zeigt sich, wie wenig die Lebenswelten von Hanns und Rudolf gemeinsam haben, auch wenn beide im gleichen Land aufwachsen. Mit der Machtergreifung Hitlers ist der Bruch dann vollkommen. Rudolf stellt sein Leben ganz in den Dienst des Nationalsozialismus und wird zu einem Mastermind der Vernichtung. Familie Alexander entgeht der Verfolgung, weil sie sich rechtzeitig für die Emigration entscheidet. Zurück bleiben aber Freunde, Angehörige und die gewohnten Lebensverhältnisse. Auf ewig im Gepäck ist das Wissen, wie schnell Hass, Gewalt und Verachtung eine vermeintlich aufgeklärte Haltung in der Gesellschaft verdrängen können.

    Wie lebt es sich, wenn die eigene Geschichte so eng mit dem Holocaust verknüpft ist? Auch diese Frage erforscht Thomas Harding aus zwei Perspektiven. Mutig geht er auf Angehörige und Nachkommen des KZ-Kommandanten zu. Am Ende des Buches steht ein Besuch in Auschwitz. Gemeinsam mit Höß‘ Schwiegertochter und Enkel sucht er den Ort auf, an dem Rudolf Höß die Ermordung unzähliger Menschen organisierte. Den Ort, an dem er schließlich selbst als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Diese Begegnung bildet ein stimmiges Finale, erschütternd und irritierend wie das gesamte Buch.

    Die Doppelbiografie von Hanns Alexander und Rudolf Höß macht Geschichte fassbar, richtet den Blick auf die Verantwortung des Einzelnen und lässt keinen Raum für bequeme Ausreden. Es waren nicht Monster, sondern Menschen, die NS-Diktatur und Holocaust hervorbrachten. Millionen einzelner Personen und ihre Entscheidungen, Tag für Tag. Das ist nicht neu, aber sehr eindrücklich erzählt. Storytelling im besten Sinne.

    Das Buch ist gut lesbar, auch für Personen, die bisher noch wenig Wissen über die NS-Zeit mitbringen, denn die historischen Hintergründe werden entlang der beiden Lebensgeschichten miterzählt. Wer sich über die kühlen Fakten hinaus mit den schlimmsten Seiten der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen möchte, findet in diesem Buch einen guten Einstieg, darf aber nicht davor zurückscheuen, dass die Lektüre emotional sehr nahe gehen könnte.

    Der Verlag Jacoby & Stuart hält eine Leseprobe bereit und bietet Infos zu weiteren Büchern des Autors. Auf der Website von Thomas Harding finden sich ergänzende Videos, unter anderem sein Interview mit Höß‘ Tochter Brigitte.

    *Hanns und Rudolf habe ich selbst gekauft. Für meine Einschätzungen spielt es keine Rolle, ob ich ein Buch gekauft, als Rezensionsexemplar oder Geschenk bekommen oder in einem Bücherschrank gefunden habe.

  • Heißer Tipp: Cold Case Ötzi

    Heißer Tipp: Cold Case Ötzi

    Mein schlechtes Wortspiel in der Überschrift scheint mir ein guter Auftakt für die erste Buchempfehlung auf meinem eigenen Blog. Cold Case Ötzi ist mein Buch der Woche, das ich an einem schlappen, faulen, erkälteten Tag in einem Rutsch verschlungen habe.

    Der Titel ist Programm: In bester True-Crime-Manier macht sich ein interdisziplinäres Team daran, die Todesumstände des Mannes vom Tisenjoch zu rekonstruieren. Wer hat Ötzi hinterrücks mit einem Pfeil erschossen? Und warum? Profiler Alexander Horn, Rechtsmediziner Oliver Peschel und Archäologe Andreas Putzer sichten Indizien und begeben sich vor Ort auf Spurensuche. Autor Josef Rother moderiert und protokolliert, wie die drei Experten Vermutungen aufstellen und wieder verwerfen, Tathergänge und Motive diskutieren. Es ist fesselnd, lebendig und auch für Laien verständlich, wie das Ermittlungsteam wissenschaftliche Befunde über den Eismann und seine Zeit in die Aufklärung des Falles einbezieht. Zahlreiche Skizzen und Fotos machen es leicht, die Überlegungen der Experten nachzuvollziehen und laden ein, genau hinzuschauen und selbst in die Ermittlerrolle zu schlüpfen.

    Cold Case Ötzi lässt mich staunend zurück. Ich empfehle dieses Buch allen, die sich für (Vor-)geschichte, True Crime oder ganz allgemein für gut recherchierte Sachbücher begeistern. Lasst euch ein auf eine spannende (und unterhaltsame!) Spurensuche. Wie weit lässt sich ein Mord, der vor über 5.000 Jahren verübt wurde, mit modernen Methoden aufklären? Welche Geheimnisse bewahrt die Gletschermumie weiterhin?

    Auf den Seiten des wunderbaren Folio-Verlags findet ihr weitere Infos zu Buch, Autor und Experten und eine Leseprobe. Zwei kurze Videos auf dem Youtube-Kanal von Folio schenken euch einen Einblick in lebhafte Diskussionen zu möglichen Fluchtwegen oder zur Jagdausrüstung Ötzis.

    Der schönste Weg zu diesem Buch führt euch in eine der Buchhandlungen in eurer Umgebung, der zweitschönste in deren Online-Shop. Die weniger schönen Wege lassen sich vermeiden.

    *Cold Case Ötzi wurde mir freundlicherweise vom Folio-Verlag via Netgalley als Leseexemplar zur Verfügung gestellt. Für meine auf diesem Blog geteilten Einschätzungen ist es irrelevant, ob ich ein Buch gekauft, geschenkt bekommen oder in einem Bücherschrank gefunden habe.