• Lesen: Durch das Raue zu den Sternen + Bonustipp

    Lesen: Durch das Raue zu den Sternen + Bonustipp

    Zwei Romane von Christopher Kloeble = zwei Meilensteine für mich

    „Das Museum der Welt“ zählt zu den Büchern, mit denen ich in meine neue Rolle als Buchhändlerin hineinwuchs. Es war einer der ersten Titel, die ich voller Überzeugung mit den passenden Menschen zusammenbringen konnte und dazu sehr gute Rückmeldungen bekam. Das war 2020. Einige Jahre später durfte ich einen Vorabdruck von „Durch das Raue zu den Sternen“ lesen und einen Buchhändlerinnen-Blurb für die Verlagsvorschau verfassen – eine Premiere für mich und genau so aufregend wie die ersten Buchverkäufe.

    Diese zwei Romane von Christopher Kloeble lege ich allen ans Herz, die Freude an schöner und präziser Sprache haben und Geschichten mit überraschend changierenden Bedeutungsebenen schätzen. In beiden Fällen ist die zentrale Figur ein Kind, das Verluste erlebt hat, mit besonderen Begabungen ausgestattet ist und sich auf eine Mission begibt, die kein Erwachsener so entschlossen und radikal verfolgen könnte. Die Charaktere berühren mit ihrer Verletzlichkeit, ihrer Intensität und ihrem ganz eigenen Blick auf die Welt.

    Ich mache es mir bequem und teile hier die Empfehlungen, die ich für die Buchhandlungswebsite bzw. die Verlagsvorschau geschrieben habe. Wollt ihr mehr wissen? Ich freue mich über jeden Kommentar und jede Rückfrage.

    Der aktuelle Titel „Durch das Raue zu den Sternen“ nimmt uns mit in die bayerische Provinz der 1990er Jahre. Dort beginnt die Geschichte von Moll, einem Mädchen, dem die Mutter abhanden gekommen ist.

    Wenn Beethoven eine Frau war, kann ein Mädchen im Knabenchor singen. Arkadia Fink, genannt “Moll”, ist von beidem fest überzeugt. Musik verbindet die 13-jährige Moll mit ihrer Mutter, auf eine Weise, die Worte nicht ausdrücken können. Nun ist Molls Mutter verschwunden. Zurückgelassen hat sie ihren geliebten Flügel, ihre unvollendeten Kompositionen und einen Vater, der Moll keinen Halt geben kann. Im Vertrauen auf die Kraft der Musik setzt Moll alles daran, ihre Mutter zurück in ihr Leben zu holen. Voller Fantasie und wild entschlossen überwindet sie Konventionen und Bedenken. Nichts kann sie aufhalten. 

    Beim Lesen des Vorabdrucks habe ich mich zuerst schwer getan – den Anfang fand ich etwas verwirrend, überfrachtet. Im zweiten Anlauf hat mich das Buch dann mitgerissen. Tolle Figuren! Arkadia Fink geht ans Herz, mit ihrer Kompromisslosigkeit und Hingabe. Alle, die den Roman bevölkern, sind so fein und stimmig und hauchzart überspitzt gezeichnet, dass alles Ernste und Schwere immer auch ein wenig leicht ist. So viel Gefühl und Musik in einem Buch. Es schreit nach einer Playlist! 

    Christopher Kloeble hat einen berührenden Roman komponiert, der nachklingt und Lust darauf macht, genau hinzuhören. So wie die großen Tondichtungen von Beethoven, Mozart und anderen, die Moll auf ihrem Weg “durch das Raue zu den Sternen” begleiten. 

    Eine zweite Meinung zu diesem Buch findet ihr hier im Forum Wermelskirchen, einem offenen Nachrichtenportal für unsere Stadt. Weil die Lesevorlieben in unserem kleinen Team recht unterschiedlich sind und es nur selten vorkommt, dass ein Titel mich und meine Kollegin Andrea gleichmaßen begeistert, haben wir unsere Doppelempfehlung dort eingereicht.

    „Das Museum der Welt“ spielt in Indien, ein historischer Roman, der eine deutsche Forschungsexpedition der 1850er-Jahre als Ausgangspunkt nimmt, um eine raffinierte Geschichte zu spinnen. Dieses Buch habe ich sehr gerne gelesen und es hat immer noch einen Platz in meinem Bücherschrank, anders als viele Leseexemplare, die nach kurzer Zeit weiterziehen dürfen. Hier meine Empfehlung aus dem Jahr 2020 – ich hoffe, sie ist gut gealtert und macht euch Lust auf dieses Buch:

    „Das Museum der Welt“ von Christoph Kloeble ist zugleich fesselnde Abenteuergeschichte, historischer Roman, Reise- und Entdeckungsbericht, Spionagethriller und Entwicklungsroman.

    Ein Buch, bunt und schillernd wie der indische Subkontinent, den die Brüder Schlagintweit Mitte des 19. Jahrhunderts im Geiste Humboldts vermessen und katalogisieren wollen. Um diese wenig bekannte, aber historisch belegte Forschungsexpedition rankt sich der Roman, der auch den anonymen einheimischen Mitreisenden ein Gesicht und eine Stimme gibt. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Bartholomäus, einem außergewöhnlich begabten Waisenkind. Unfreiwillig begleitet das Sprachentalent die Schlagintweits als Übersetzer auf der langen und gefährlichen Reise durch Indien und den Himalaya. Sein offener und scharfer Blick zeigt die deutschen Forscher, die englischen Kolonialherren und sein eigenes Land aus einer ungewohnten Perspektive.

    Mich begeistert der Roman, weil er ein großartiges Lesevergnügen mit Witz, Tempo und Hintersinn bietet und dabei die Wurzeln und Folgen der westeuropäischen Kolonialpolitik hinterfragt.

    Kleiner Disclaimer: Es ist wahrscheinlich fair, diesen Beitrag als *WERBUNG* zu kennzeichnen, denn, wie das Foto zeigt, habe ich beide Romane als Leseexemplare vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Dies hat keinen Einfluss auf meine Bewertung. Ich mache hier genauso gern *WERBUNG* für Bücher, die ich selbst gekauft habe und bekomme andererseits reichlich Leseexemplare, die ich hier mit Sicherheit nicht vorstellen werde.

  • Das Meer, die Liebe, der Mut aufzubrechen

    Das Meer, die Liebe, der Mut aufzubrechen

    I’m back. Mit einem Backlist-Tipp.

    Das Meer – mein Thema. Die Liebe – eher nicht. Der Mut aufzubrechen – unerlässlich, an jedem einzelnen Tag. Den Neuanfang hier mache ich mir leicht, mit einer Empfehlung, die ich 2020 für die Buchhandlungs-Homepage verfasst habe. Zum Glück ist „Das Meer. Die Liebe. Der Mut aufzubrechen“ von Andrea Marcolongo noch lieferbar (Stand 03/2026), das ist leider nicht selbstverständlich für einen Titel, der vor über 5 Jahren erschienen ist.

    Ich lade euch ein auf eine Fahrt ins Ungewisse. Reiseleiterin Andrea Marcolongo nimmt euch mit auf eine Expedition in die Antike, zu den Wurzeln unserer Kultur und zu unseren ureigenen Wünschen und Ängsten.

    Die junge Altphilologin Andrea Marcolongo erzählt die Argonautensage neu. Ihre Liebe zur altgriechischen Sprache und Kultur und ihre Überzeugung, dass die antiken Mythen uns auch heute etwas zu sagen haben, prägen dieses Buch. Entlang der großen, alten Geschichte von Jason und seinen Begleitern, vom Heldenmut und dem Aufbruch ins Ungewisse, wirft sie einen Blick auf unsere Zeit. Mit der Distanz von Jahrtausenden, freundlich und zugleich unerbittlich, mit feinem Humor und großer Menschenliebe stellt sie in Frage, mit welchen Zielen wir uns zufrieden geben und was heute als Mut gilt.

    Es entsteht eine faszinierende Wundertüte von einem Buch: Ein antiker Mythos, kenntnisreich dargestellt, ein philosophischer Essay über unseren Stand im Leben, ein Wegweiser, der uns ermuntert, unsere Ziele zu hinterfragen und neue Wagnisse einzugehen.

    Dieses Buch stand ganz und gar nicht auf meiner Wunschliste, aber es hat sich mir so hartnäckig aufgedrängt, dass ich irgendwann nachgegeben habe. Zum Glück! Es liest sich nicht eben nebenbei, braucht Zeit und wirft nicht nur gefällige Fragen auf, aber mich hat die Lektüre bereichert und berührt. Gedanken aus diesem Buch blitzen immer wieder in meinem Alltag auf und zeigen scheinbar Selbstverständliches in einem anderen Licht. Was kann ein Buch mehr bewirken?

    Ich freue mich darauf, dieses wunderbare Buch aus dem Folio-Verlag mit etwas Abstand noch einmal zu lesen. Es wird mich sanft durch das Frühjahr begleiten, zum Aufbruch locken, bis ich endlich wieder auf dem Meer bin.

    Mehr Infos zum Buch und zur Autorin sowie eine Leseprobe findet ihr auf der Seite des Verlags. Kauft Bücher bitte immer in euer Buchhandlung vor Ort (das geht auch online). Dankeschön!

  • Bertolt, brech! – Time to say goodbye…

    Bertolt, brech! – Time to say goodbye…

    Zu viele Bücher. Zu wenig Platz. Da hilft nur: Aussortieren.

    Meine Bücher wohnen nicht in Regalen, sondern in einem Schrank. Genauer gesagt: in sechs schönen Schrankmodulen, die mir vor Jahrzehnten zugelaufen sind. Wer einmal hier gelandet ist, bleibt. Vielleicht nicht für immer, aber für längere Zeit.

    Zu den Arrivierten kommen die Vagabunden. Sie campieren auf dem Schreibtisch oder neben dem Sofa, stapeln sich auf Schränken und Beistelltischen. Die meisten sind in Bewegung, wollen gelesen, rezensiert, verschenkt werden. Andere warten still auf ihren Einsatz in einem der Projekte, die in meinem Kopf herumspuken. Ich passe auf, dass die Bücherstapel sich nicht unkontrolliert vermehren, aber es ist schwierig und gelingt nicht immer. Wenn ihr Anblick statt Leselust den Drang weckt, wegzulaufen oder aufzuräumen, muss etwas passieren.

    Vorgestern traf mich ein Gedankenblitz, eine vage Idee, wie ich die Bücher anders organisieren könnte. Gestern probierte ich es aus. Eine Auswahl besonderer Bücher, die mir zuverlässig gute Laune und Inspiration schenken, sollten ihren eigenen Platz bekommen. So bezogen einige Comics, Gedichtbände, Bilderbücher ein gemeinsames Fach im Bücherschrank.

    Das war ein guter Anfang für eine Totalveränderung. Ich räumte meinen Leseplatz um, verrückte Schränke, Sessel, Lampen. Jetzt sieht es luftiger aus und bietet neue Perspektiven. Neben meinem „Inspirationsfach“ sammeln sich die aktuellen Lese- und Rezensionsexemplare. Drei Fächer (und nicht mehr) sind reserviert für „Projektbücher“ und ich bin zuversichtlich, dass mir dies hilft, mich zu fokussieren und Ideen umzusetzen oder aufzugeben, um Raum für bessere zu schaffen.

    Das Zimmer ist voll mit Bücherstapeln, weil ich die Schänke nur bewegen kann, wenn sie leer sind. Viele Nomaden haben einen Platz gefunden. Die meisten alteingesessenen Bewohner der Bücherschränke sind im noch im Campingurlaub. Nicht alle werden zurückkehren.

    Zu lange fehlte in den Bücherschränken der Wandel. Seit meinem letzten Umzug sind viele Bücher dazu gekommen und nur wenige gegangen. Jetzt entscheide ich für jeden Titel neu: behalten, verschenken, entsorgen?

    Leichten Mutes und ohne Reue nehme ich Abschied von den meisten Schullektüren und ungeliebten Titeln aus dem Studium. Bye bye, Brecht und Böll. Ich werde euch nicht vermissen. Adios, zerfetzter, bekritzelter Shakespeare. Du hast eine schönere Ausgabe verdient – und ich eine zweisprachige.

  • Überraschung: Lesevergnügen in Pink

    Überraschung: Lesevergnügen in Pink

    Ein guter Griff: Bea Fitzgerald – Girl. Goddess. Queen.

    Seit ich in der Buchhandlung arbeite, lese ich pro Halbjahr mindestens einen aktuellen Krimi, einen leichten/seichten Unterhaltungsroman, einen historischen Roman oder einen Fantasy-Titel, ein Jugendbuch, ein Kinderbuch. Nicht alles davon lese ich gern. Schlimm sind Krimis, die lustig sein wollen, aber nicht sind. Schlimmer sind verwickelte Liebesdramen auf Nord- oder Ostseeinseln. Am schlimmsten ist Romantasy, mit gebrochenen Helden, die nur duch die Liebe (Unterwerfung?) einer Frau gerettet werden können.

    Auf der Suche nach einem Buch fürs Wochenende sprang mir der leuchtend pinkfarbene Band Girl. Goddess. Queen. von Bea Fitzgerald ins Auge. Eine Chance, gleich drei Punkte meines Pflichtprogramms mit nur einem Buch abzuhaken: Romance (PINK!), Fantasy (GÖTTER!), Jugendbuch (YOUNG ADULT!). Meine Erwartung: schlimmste Romantasy. Was ich bekam: das vergnüglichste Lesewochenende seit langem! Ich habe Girl. Goddess. Queen. verschlungen.

    Bea Fitzgerald greift den Mythos um Persephone auf. In der klassischen Erzählweise entführt Hades die Göttin in die Unterwelt und nimmt sie gegen ihren Willen zur Frau. In diesem Roman ist alles ganz anders. Persephone sucht Schutz bei Hades, denn die Pläne ihres Vaters Zeus und ihrer Mutter Demeter machen ihr Angst. Soll sie mit einem der anderen Olympier verheiratet werden?

    Die Geschichte entwickelt sich rasant, mit vielen überraschenden Wendungen. Persephone, Hades und die anderen Charaktere aus der Unterwelt sind liebevoll gezeichnet, als würde die Autorin den Vorbildern aus der griechischen Sagenwelt erlauben, die beste, glücklichste Version ihrer Selbst zu werden. Hier wird die Hölle zu einem Ort, wo sie aneinander wachsen und lernen, zu ihren Wünschen und Bedürfnissen zu stehen. Es geht um Freundschaft, Vertrauen und ein wenig auch um Liebe. Spicy wird es nicht.

    Die Altersempfehlung des Verlags liegt bei 14 Jahren. Ich würde es ohne Bedenken auch Zwölfjährigen verkaufen, wenn sie gern und viel lesen und eine spannende Geschichte mit einem Hauch Romantik suchen.

    Bea Fitzgerald hat einen weiteren Roman veröffentlicht, der in der griechischen Sagenwelt verortet ist. Princess. Prophet. Saviour. spielt während der Belagerung Trojas. In diesem Krieg, der nur Verlierer kennt, kämpfen Helena und Kassandra darum, die Katastrophe zu verhindern. Dieses Buch ist düsterer, ernster und intensiver als das erste. Hier finde ich die Altersempfehlung ab 14 Jahren etwas gewagt. Der Kampf um Troja ist gewaltsam, die Figuren leben in ständiger Bedrohung, ihre inneren Konflikte berühren Fragen, die sich eher Erwachsene stellen und die Szenen, in denen Figuren sich näher kommen, sind ein wenig spicy.

    Mir gefällt Bea Fitzgeralds zweiter Roman sehr, weil er wieder die Welt der griechischen Götter und Helden auf den Kopf stellt. So unterschiedlich die Bücher im Tonfall und in der Tiefe sind – in beiden stellen sich die Charaktere mutig, klug und kreativ der göttlichen Willkür entgegen. Sie verlassen die Wege, die ihnen in den alten Geschichten vorbestimmt sind und kämpfen um Selbstbestimmung, Liebe und Respekt.

    Ich freue mich auf das dritte Buch der Reihe. Girl. Lover. Legend. handelt von Pandora, die das Unglück in die Welt gebracht haben soll, Die deutsche Übersetzung erscheint Ende Oktober.

  • Das Parlament der Natur – mein Buchtipp in schönerlesen No. 24

    Das Parlament der Natur – mein Buchtipp in schönerlesen No. 24

    Yay! Meine Begeisterung auf 1000 Zeichen zu beschränken, war eine sportliche Herausforderung. Meine Empfehlung findet ihr auf Seite 40 im Kundenmagazin der eBuch-Genossenschaft oder gleich hier:

    Mit seinem farbenprächtigen Umschlagmotiv zieht „Das Parlament der Natur“ die Blicke auf sich: Ein Jaguar auf dem Sprung, zwei Aras auf der Flucht. So lebensecht die Szene wirkt – die Tiere sind tot. Ein Museumspräparat, auf ewig gefangen in einer Momentaufnahme des Kampfes ums Dasein, eines von gut dreißig Millionen Objekten im Bestand des Berliner Museums für Naturkunde.

    Naturforscherin Sarah Darwin, Nachfahrin des Begründers der Evolutionstheorie, und ihr Ehemann Johannes Vogel, Direktor des Museums, lassen uns die riesige Sammlung mit ihren Augen sehen. Hier lagern keine verstaubten Zeugnisse der Vergangenheit, sondern ein Schlüssel zu unserer Zukunft. Die Exponate zeigen das komplexe Gefüge der Natur über sehr lange Zeiträume, die Vielfalt des Lebens ebenso wie den zerstörerischen Einfluss des Menschen.

    Das Buch ist wundervoll bebildert und lässt uns tief in die Gedankenwelt der beiden Wissenschaftler einsteigen – ein Geschenk für alle, die sich von der Natur faszinieren lassen.

    Mehr Infos und eine Leseprobe findet ihr auf der Seite des Verlags. Danke an Propyläen-/Ullstein für das digitale Leseexemplar auf Netgalley.

    Wenn euch lebendige Innenstädte und kulturelle Vielfalt am Herzen liegen: Kauft Bücher nicht an fernen Flüssen, sondern bei eurer Buchhandlung vor Ort. Das geht auch online, zum Beispiel über genialokal, dem gemeinsamen Shop von über 750 unabhängigen Buchhandlungen im deutschen Sprachraum. Oder einfach googeln nach Geschäften in eurer Umgebung. Amen.

  • tausendundeinewoche – Neues im Juli

    Der geheime Plan: Jede, wirklich jede einzelne Woche in meinem Leben etwas ausprobieren oder erleben, was neu für mich ist. Klappt nicht immer so, wie ich es mir vornehme. Wie lief es im Juli?

    KW 29: Very Interesting? Blogger? Ich?

    Ich habe alle Bedenken über den Haufen geworfen, das VIB-Paket von Judith Peters gebucht (erster Nur-Online-Kurs meines Lebens) und wild entschlossen losgeschrieben. Ein Versuch, der mich im Moment weit aus meiner Komfortzone hinausführt.

    KW 30: Wunschkonzert

    Lange ganz oben auf meiner Konzert-Wunschliste. Endlich passten Zeit und Ort und ich konnte sogar eine Karte bekommen. So ganz kann ich es immer noch nicht fassen. 25. Juli 2025, Patti Smith, open air, in Köln, direkt vor dem Dom. Das Konzert hallt nach und ich bin dankbar.

    KW 31: Nix – oder findet sich noch etwas?

    Große Experimente habe ich nicht zu vermelden, nicht einmal ein spannendes neues Gericht probiert. Dann also suchen, wo sich vielleicht doch ein Wagnis in dieser Woche versteckt hat. Ok, eines fällt mir ein: Meinen geheimen Plan hier offen zu zeigen, das ist neu für mich. Bisschen unheimlich, hehe 😉

    Wie geht’s weiter im August?

    Ich habe Pläne, aber die verrate ich nicht. Freibadzeit hat Vorrang.

  • Jetzt lesen! Oliver Hilmes: Ein Ende und ein Anfang

    Jetzt lesen! Oliver Hilmes: Ein Ende und ein Anfang

    Eine Zeitreise in den Nachkriegssommer 1945

    Am 8. Mai vor 80 Jahren endete der 2. Weltkrieg – zumindest in Europa. Oliver Hilmes richtet in seinem aktuellen Sachbuch den Blick darauf, wie sich die Welt in den folgenden Monaten neu ordnete, im Großen wie im Kleinen.

    Es lohnt sich, dieses Buch genau jetzt zu lesen, denn es umspannt den Zeitraum von Mai bis September 1945. Ich habe es kurz vor dem 8. Mai erstmals gelesen. Seitdem nehme ich es immer wieder zur Hand und schaue, was sich in der Woche oder im Monat vor genau 80 Jahren ereignet hat.

    Oliver Hilmes lässt die Geschichte lebendig werden. Er zeigt die weltpolitischen Optionen und Weichenstellungen der Umbruchphase im Sommer 1945 so auf, dass sie auch ohne viel Vorwissen nachvollziehbar sind. Parallel dazu nimmt er die Nöte und Hoffnungen der Menschen in den Blick, die mit den Folgen von NS-Herrschaft und Krieg zu kämpfen haben oder für die der Krieg noch nicht beendet ist. Zeitzeugnisse, Tagebucheinträge, Fotos zeigen Momentaufnahmen. Manche Personen begleiten wir über eine längere Zeit, dazu gehören Kriegsgefangene, Geflüchtete, die Teilnehmenden der Potsdamer Konferenz oder eine Frau, die im ausgebombten Berlin auf Nachricht von ihren Angehörigen hofft.

    Aus ihren unterschiedlichen Perspektiven und Schicksalen webt Oliver Hilmes ein facettenreiches Bild der Zeit. Nicht nur mich hat das Buch gefesselt, auch in meinem Umfeld hat es die Runde gemacht und konnte Menschen begeistern, die sonst eher wenig lesen oder zumindest nicht zu einem Sachbuch greifen würden.

    Große Leseempfehlung für alle, die mehr über die Nachkriegszeit erfahren, aber kein trockenes Geschichtsbuch lesen möchten. Umgekehrt die Warnung für Geschichts-Zahlen-und-Fakten Nerds: Dieses Buch könnte für euren Geschmack zu viel persönliche Geschichten enthalten. Für Buchhändler:innen in diesem Sommer auf jeden Fall ein Must-Have im aktuellen Sortiment.

  • Das Beste an meiner Arbeit in einer Buchhandlung: Mein Job wird niemals langweilig!

    Abwechslung garantiert!

    Jenseits der Fünfzig haben mich meine verschlungenen beruflichen Pfade in eine kleine, unabhängige Buchhandlung im Bergischen Land geführt. Gut so! Was ich an meiner Arbeit am meisten liebe: Jeder Tag bringt etwas Neues, besonders für mich als Quereinsteigerin.

    1. Bücher, Bücher und noch mehr Bücher

    Seit meiner Verwandlung von einer Buchhandlungskundin zur Mitarbeiterin lese ich anders, mehr und vielfältiger. Für Lesestoff ist stets gesorgt, denn viele Verlage versenden Leseexemplare oder stellen ihre Neuerscheinungen bei Netgalley digital zur Verfügung.

    Als Lesen „nur“ ein Hobby war, bewegte ich mich in meiner Komfortzone und setzte auf Bewährtes. Jetzt versuche ich mich an neuen Genres und unbekannten Autor:innen. Dabei entdecke ich immer wieder Titel, die mich begeistern (und die ich hier vorstelle). Mit jedem Buch, ob es mir gefällt oder nicht, erweitert sich mein Überblick über den Buchmarkt und ich entwickle die Buchhändler:innen-Superkraft „Bücher anfangen und schnell entscheiden, sie wieder wegzulegen“.

    2. Gern gesehene Kund:innen

    Unsere Kund:innen sind überwiegend zauberhafte Menschen. Wir sind allerdings auch ein zauberhaftes Team und ich bin sicher, dass dies eine gewisse Anziehung hervorruft. Sie bringen Leben in den Laden. Manchmal auch Schokolade, ihre Sorgen, die allerbesten Buchtipps, ihre Kinder oder Neuigkeiten aus der Nachbarschaft. Die meisten kommen wieder.

    Ihre Wünsche sorgen für Abwechslung. „Wo finde ich den neuen Fitzek?“. Leichtes Spiel. Spannend wird es, wenn mehr gefragt ist als ein simpler Griff ins Regal. „Meine Freundin ist krank und ich möchte ihr ein schönes Buch schenken“. Ohne Einfühlungsvermögen (wie krank?) und Intuition (was ist schön?) wird das nichts. Am meisten liebe ich es, wenn Anfragen detektivischen Spürsinn und Rechercheskills fordern: „Das Cover ist gelb und ich glaube, es ist eine Orange darauf“ oder „Das habe ich irgendwann in den 1980er Jahren gelesen, es spielte in Indien.“ Wenn alle Kolleginnen miträtseln, führen uns oft wenige Informationsbruchstücke zum richtigen Titel.

    3. Bilanz ziehen für den Buchhandlungspreis

    Viele Buchhandlungen treten eher leise, bescheiden und defensiv auf gegenüber der mächtigen Konkurrenz im Netz. Das finde ich nicht angemessen, denn sie fördern Kultur, Bildung und Lebensqualität in einer Weise, die kein Internethändler bieten kann und will. Mit Autor:innenlesungen und anderen Veranstaltungen bereichern sie das kulturelle Leben vor Ort. Gemeinsam mit anderen Einzelhandelsgeschäften sorgen sie für lebendige Innenstädte. In Kooperationen mit Kitas, Schulen und Vereinen fördern sie Sprach- und Lesekompetenz. Zusammen mit Verlagen, Autor:innen, Bibliotheken und anderen Buchhandlungen setzen sie sich für literarische Vielfalt ein.

    Die Bewerbung um den Deutschen Buchhandlungspreis ist jedes Jahr ein guter Anlass, diese Leistungen zu dokumentieren und damit sichtbar zu machen. Für mich eine der spannendsten Aufgaben im Buchhandlungsjahr. Wenn alles zusammengetragen und im Überblick zu sehen war, haben wir bisher jedesmal gestaunt, wie viele Projekte und Aktionen wir quasi nebenbei gestemmt haben, Ganz unabhängig davon, ob eine Buchhandlung ausgezeichnet wird oder nicht – ich finde, der Aufwand lohnt allein schon zur Evaluation und Kursbestimmung.

    Was ich nicht verschweigen will

    Natürlich ist meine Arbeit in der Buchhandlung nicht ständig schön und strahlend. Es gibt Routineaufgaben im Büro, die sich aber im Rahmen halten. Eine Buchhandlung lebt und will ständig aufgeräumt und mit Staubwedeln liebkost werden. Es gibt Branchen, in denen mehr verdient wird und die Arbeitszeiten im Einzelhandel sind nicht nach jedermenschs Geschmack.

    Für mich überwiegen aber ganz klar Spaß, Abwechslung und das gute Gefühl, meine Zeit mit Menschen und Büchern sinnvoll zu verbringen.

  • Anfangen. Einfach anfangen.

    Und dann dranbleiben. Wenn es passt.

    „Con algo hay que empezar“ lautete der erste Satz in meinem ersten Spanisch-Lehrbuch. Mit irgendetwas muss man anfangen. Heute fange ich an, im Internet über Sachen zu schreiben, die mich interessieren. Damit liebäugele ich seit Jahr(zehnt)en, fand aber nie richtig den Anfang. Oder habe schnell wieder aufgehört.

    Jetzt starte ich einen neuen Anlauf, und diesmal nicht allein. Spanisch habe ich mir schließlich auch nicht selbst beigebracht. Meine Reiseleiterin ins neue Abenteuer ist Judith Peters, gebucht habe ich ihr Angebot VIB (Very Interesting Blogger) – niedrigschwellig, auf 52 Wochen angelegt. Es klingt spannend und machbar, genau das richtige für zaudernde Verzettelungskünstlerinnen wie mich. Ich folge Judith schon länger und profitiere von ihren Tipps, z.B. beim Einrichten dieser Website. Sie ermuntert dazu, im digitalen Raum sichtbar zu werden, ohne Perfektionismusstress. Passend dazu ihr Claim: „Blog like nobody’s reading!“. Das gefällt mir.

    Ich freue mich darauf, zu experimentieren, mich auf Schreibimpulse einzulassen und zu schauen, wohin das führt. Vielleicht entwickelt sich eine Seite mit Buchempfehlungen, mit Quiz-Content oder mit Tipps für faule Gemüsegärtner:innen? Auf jeden Fall werde ich in einigen Monaten wissen, ob ein eigener Blog genau mein Ding ist oder nicht.

  • Zwei Leben: Hanns und Rudolf

    Zwei Leben: Hanns und Rudolf

    Thomas Hardings Doppelbiografie hatte ich in der Buchhandlung oft in der Hand, aber immer wieder beiseite gelegt. Zu Weihnachten nahm ich sie endlich mit. Eine gute Entscheidung, denn die ruhigen Feiertage waren ideal, um mich auf dieses Buch einzulassen.

    Zwei gegensätzliche Lebenswege, von der Geburt bis zum Tod: Eine der beiden Personen, Rudolf Höß, hat Einzug in die Geschichtsbücher gehalten. Nicht als Held, sondern wegen unvorstellbarer Verbrechen gegen Menschlichkeit und Menschenwürde. Als KZ-Kommandant installierte Höß die Tötungsmaschinerie im Lager Auschwitz. Unter seiner Verantwortung wurden über eine Million Menschenleben ausgelöscht. Der andere, Hanns Alexander, ein jüdischer Emigrant, hat ihn nach dem Krieg verfolgt und schließlich festgenommen. So konnte Höß beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess als Zeuge aussagen und später selbst vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt werden. Hanns Alexander steht in keinem Geschichtsbuch, aber in einem nahen Verwandtschaftsverhältnis zum Autor.

    Hanns Alexander lebte in London, arbeitete bei einer Bank, engagierte sich in der örtlichen Synagoge. Um seine Jugend in Deutschland und seinen Dienst beim britischen Militär machte er nicht viel Aufhebens. Erst nach Hanns‘ Tod erfährt Thomas Harding, dass sein Großonkel einen der größten Nazi-Verbrecher dingfest gemacht hat. Wie konnte es dazu kommen?

    Um das herauszufinden, schaut Harding nicht nur in die eigene Familiengeschichte. Im Wechsel zeichnet er die Wege der beiden Männer nach. Als Erzähler bleibt er zurückhaltend. Er stellt Zeitzeugnisse in den Vordergrund, lässt Briefe, Fotos, Interviews und Gerichtsakten für sich sprechen. So entwickelt sich nach und nach ein Bild von Hanns und Rudolf. Dass der Autor die beiden durchgängig beim Vornamen nennt, entspricht seinem fast intimen Zugang zu ihrer Geschichte. Harding stellt sie nicht als Prototypen für Täter und Opfer, Verfolger und Verfolgte dar, sondern zeigt sie in Nahaufnahme. Zwei Menschen, die durch ihre Zeit und ihr Umfeld geprägt sind. Menschen, denen sich unterschiedliche Handlungsräume eröffnen. Menschen, die Entscheidungen verantworten – privat, beruflich, politisch. Offen, beinahe neutral, erforscht Harding, was die beiden antreibt, welche Erfahrungen, Begegnungen und Werte ihr Handeln bestimmen.

    Von Anfang an zeigt sich, wie wenig die Lebenswelten von Hanns und Rudolf gemeinsam haben, auch wenn beide im gleichen Land aufwachsen. Mit der Machtergreifung Hitlers ist der Bruch dann vollkommen. Rudolf stellt sein Leben ganz in den Dienst des Nationalsozialismus und wird zu einem Mastermind der Vernichtung. Familie Alexander entgeht der Verfolgung, weil sie sich rechtzeitig für die Emigration entscheidet. Zurück bleiben aber Freunde, Angehörige und die gewohnten Lebensverhältnisse. Auf ewig im Gepäck ist das Wissen, wie schnell Hass, Gewalt und Verachtung eine vermeintlich aufgeklärte Haltung in der Gesellschaft verdrängen können.

    Wie lebt es sich, wenn die eigene Geschichte so eng mit dem Holocaust verknüpft ist? Auch diese Frage erforscht Thomas Harding aus zwei Perspektiven. Mutig geht er auf Angehörige und Nachkommen des KZ-Kommandanten zu. Am Ende des Buches steht ein Besuch in Auschwitz. Gemeinsam mit Höß‘ Schwiegertochter und Enkel sucht er den Ort auf, an dem Rudolf Höß die Ermordung unzähliger Menschen organisierte. Den Ort, an dem er schließlich selbst als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Diese Begegnung bildet ein stimmiges Finale, erschütternd und irritierend wie das gesamte Buch.

    Die Doppelbiografie von Hanns Alexander und Rudolf Höß macht Geschichte fassbar, richtet den Blick auf die Verantwortung des Einzelnen und lässt keinen Raum für bequeme Ausreden. Es waren nicht Monster, sondern Menschen, die NS-Diktatur und Holocaust hervorbrachten. Millionen einzelner Personen und ihre Entscheidungen, Tag für Tag. Das ist nicht neu, aber sehr eindrücklich erzählt. Storytelling im besten Sinne.

    Das Buch ist gut lesbar, auch für Personen, die bisher noch wenig Wissen über die NS-Zeit mitbringen, denn die historischen Hintergründe werden entlang der beiden Lebensgeschichten miterzählt. Wer sich über die kühlen Fakten hinaus mit den schlimmsten Seiten der deutschen Vergangenheit auseinandersetzen möchte, findet in diesem Buch einen guten Einstieg, darf aber nicht davor zurückscheuen, dass die Lektüre emotional sehr nahe gehen könnte.

    Der Verlag Jacoby & Stuart hält eine Leseprobe bereit und bietet Infos zu weiteren Büchern des Autors. Auf der Website von Thomas Harding finden sich ergänzende Videos, unter anderem sein Interview mit Höß‘ Tochter Brigitte.

    *Hanns und Rudolf habe ich selbst gekauft. Für meine Einschätzungen spielt es keine Rolle, ob ich ein Buch gekauft, als Rezensionsexemplar oder Geschenk bekommen oder in einem Bücherschrank gefunden habe.